Wider dem Wildtier-Tourismus

Wenn Menschenaffen zu Unterhaltungszwecken ausgebeutet werden

Zum Boxen gezwungen

Aaron Gekoski

Sommerzeit ist Reisezeit! Und deswegen feiert die von Borneo Orangutan Survival (BOS) Schweiz mit produzierte TV-Dokumentation zum Thema «Wildtier-Tourismus» genau zum richtigen Zeitpunkt Weltpremiere: Am 7. Juli 2021 wird «Orang-Utans: Alarmstufe Rot» erstmals und im deutschsprachigen Raum ausgestrahlt. Durch die Dokumentation führt der preisgekrönte Fotojournalist und Filmemacher Aaron Gekoski.

 

Undercover tauchen er und sein Team in die Abgründe des Wildtierhandels und der Wildtiermafia ein. Sie zeigen Orte, an denen Menschenaffen zu unserer Belustigung ausgebeutet werden und sie besuchen die BOS-Rettungsstationen auf Borneo. Dort werden aus Zoos und Vergnügungsparks gerettete Orang-Utans falls möglich auf ein Leben in der Freiheit vorbereitet.

Insgesamt vier Jahre arbeiteten Aaron und sein Team an dieser Dokumentation. Die Dreharbeiten waren körperlich und seelisch extrem belastend. Unter anderem reisten die Tierfilmer nach Bangkok, Thailand. Im berüchtigten Vergnügungspark «Safari World» werden auch heute noch Orang-Utans in «Thai Boxing Show» zu Unterhaltungszwecken eingesetzt. Verkleidet als Boxkämpfer und ring girls werden sie vorgeführt und verlieren dabei jegliche Würde. Oft sind die Tiere unter- oder fehlernährt und werden durch den viel zu engen Kontakt mit den Menschen sterbenskrank.

 

Gerade in den letzten Jahren dienen sie Tag ein Tag aus naiven Touristinnen und Touristen als Selfie-Objekte. Auch den katastrophalen Haltungsbedingungen und abstossenden Trainingsmethoden in diesem Milliarden-Geschäft geht Aaron nach. So wird das, was als «non-stop Entertainment» von den Veranstaltern gepriesen wird, schnell zur non-stop Tierquälerei.

Fototermin mit Orang-Utan

Aaron Gekoski

In wenigen Fällen werden illegal geschmuggelte Tiere konfisziert und landen in den Käfigen thailändischer Rettungsstationen. «Doch hier darf und sollte die Reise der geretteten Orang-Utans auf keinen Fall enden. Als ich 2019 zum ersten Mal mit Aaron über das Filmprojekt sprach, erzählte ich ihm von den ex-Thai Orang-Utans in unseren Rettungsstationen in Indonesien. Laut internationalen Artenschutzabkommen müssen konfiszierte Tiere nämlich in ihre Heimat zurückgeführt werden. Insgesamt haben wir zwischen 2006 und 2016 52 Orang-Utans aus Thailand übernommen», berichtet Dr. Sophia Benz, Geschäftsführerin von BOS Schweiz und Co-Produzentin der Dokumentation. In den Rettungszentren der Borneo Orangutan Survival Foundation (BOSF) in Indonesien - dem grössten Primatenschutzprogramm der Welt - haben diese Tiere eine neue Bleibe gefunden.
Sie haben es geschafft

Aaron Gekoski

Eines der aus Thailand geretteten Tiere ist Nenuah. Nur wenige Jahre alt war das Orang-Utan-Weibchen damals, als sie aus dem Safari-World-Park zu BOS kam. Heute, knapp 15 Jahre später, hat sie es geschafft. Nenuah gehörte zu den ersten Orang-Utans, welche BOS nach über einem Jahr Corona-Lockdown und Auswilderungsstopp Anfang 2021 in die Freiheit eines Nationalparks entlassen konnte. Per Helikopter schaffte es die heute 22-Jährige zurück in den Regenwald.

 

«Unsere Vision ist es, zur weltweit einzigen Rettungsstation ohne Käfige zu werden», erklärt Sophia Benz. Im Idealfall würden gerettete Jungtiere direkt vom Baby-Haus über den Waldkindergarten und die Waldschule auf eine so genannte Vorauswilderungsinsel kommen. Dort werden die Tiere nur noch einmal täglich zugefüttert und überwacht. Sie üben die Freiheit und müssen beweisen, dass sie das Erlernte anwenden können. Wer in der Lage ist, alleine in der Wildnis zu überleben, ist bereit, ausgewildert zu werden. Junge gerettete Orang-Utans haben relativ gute Chancen, diese Ausbildung zu meistern. Aber was ist mit den vielen kranken oder verletzten Tieren? Orang-Utans, denen Wilderer Gliedmassen abgehackt haben, beim Versuch sie gefangen zu nehmen oder ihre Mütter zu töten? Oder Tieren, die viel zu lange in Gefangenschaft leben mussten, sich dort mit lebensbedrohlichen Krankheiten wie Hepatitis oder Tuberkulose infizierten oder zu alt für die Waldschule sind? «Sie haben – mehr als alle anderen – ein Leben in der Freiheit verdient! Für sie sind bewaldete Flussinseln die beste und einzige Möglichkeit, einigermassen artgerecht gehalten zu werden. Fünfzehn solcher Inseln haben wir bereits gebaut. Bis zu 300 Tiere finden dort Platz. Aber das reicht noch nicht».

Romeo ist eines der Tiere, die es bei BOS bereits auf eine Flussinsel geschafft haben. Er wurde aus einem Zoo in Taiwan gerettet und musste wegen seiner Hepatitis-Infektion 25 Jahre lang isoliert im Käfig gehalten werden. Erst als neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigten, dass Hepatitis-B auch in wilden Populationen vorkommt, wäre eine Auswilderung theoretisch möglich gewesen. Praktisch fehlten Romeo aber die survival skills, da er nie die Waldschule besucht hatte. Trotzdem war klar, dass Romeo nicht bis ans Ende seiner Tage eingesperrt leben soll. Also baute BOS für ihn und zwei Weibchen eine bewaldete Flussinsel.

 

Andere warten noch auf ein Leben ausserhalb des Käfigs. Hui passte, als er in sein Käfig verfrachtet wurde, noch durch die Gittertüre. Heute müsste er regelrecht aus dem Käfig geschnitten werden, denn für einen Gang durch die Türe ist er schon lange viel zu gross. Für ihn und viele weitere ausgewachsene Orang-Utans müssen noch Inseln gebaut werden. BOS Schweiz ruft deshalb, gemeinsam mit anderen Partnern, eine Kampagne ins Leben. Unter born2bewild.org können die Rehabilitation und Auswilderungen von Orang-Utans sowie die Unterbringung von nicht-auswilderbaren Tiere auf bewaldeten Inseln unterstützt werden.

Romeo hat es zwischenzeitlich geschafft

Aaron Gekoski

In Geborgenheit aufwachsen und frei sein

Aaron Gekoski

«Die Schicksale der von uns geretteten Tiere zeigen, dass es für einzelne Tiere durchaus Hoffnung gibt. An diesen Hoffnungsschimmer klammerte sich Aaron förmlich – nach all den niederschmetternden Erfahrungen während der Dreharbeiten.

 

Ein Stück weit gewann er seinen Glauben an die Menschheit zurück, als er die geretteten Tiere auf den Vorauswilderungsinseln und in der Waldschule erlebte» berichtet Sophia Benz stolz. Dieser Hoffnungsschimmer am Ende zeichnet diese Produktion im Vergleich zu ähnlichen Filmprojekten aus. Gleichzeitig wird aber auch klar, dass nur in wenigen Fällen eine Rückführung und Auswilderung gelingt. «Der Weg zurück in die Freiheit ist ein unglaublicher Kraftakt für alle Involvierten.

 

Letztlich braucht es Prävention: Wir, als Touristinnen und Touristen und somit die Konsument*innen dieser unsäglichen Wildtiershows müssen in die Verantwortung genommen werden. Die Nachfrage nach solchen Shows muss aufhören», fordert Sophia Benz und fügt an: «Wem das Wohlergehen der Tiere als Argument nicht ausreicht, bei dem zieht vielleicht der pure Eigennutzen: Gerade hat uns Corona gelehrt, dass Wildtiere nichts zu suchen haben auf Lebensmittelmärkten. Aus demselben Grund dürfen wir sie auch nicht in Käfigen halten - weder als Haustiere noch in Zoos oder in Vergnügungsparks».

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